AUF DER SUCHE NACH UTOPIEN

Auf der Suche nach Verlorenen Paradiesen

Laufzeit: 

23/09/2017 bis 17/11/2017

Öffnungszeiten: 

Dienstag - Freitag

14.00 - 19.00 Uhr

und nach Vereinbarung

Eröffnung: 

Samstag, 23. September 2017 - 19:00
Foto: Concha Jerez, © esc medien kunst labor

Ausgehend von Marcel Prousts Roman „Á la Recherche du Temps perdu“ („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“)welcher meines Erachtens nach jetzt aktueller ist als zur Zeit, in der er verfasst wurde – wird meine Arbeit für das esc medien kunst labor mit der Suche nach Utopien des 20. Jahrhunderts beginnen.

Bereits 1993, als ich im Rahmen der Ausstellung und des Symposiums In Control. mensch - interface - maschine das erste Mal in Graz war, schrieb ich im Einleitungstext zu meiner Arbeit INTERFERENCE LANDSCAPES: „In unserem Zeitalter der Macht von Information gibt es nur spärliche Möglichkeiten, als unabhängige menschliche Wesen zu überleben. Eine Überlebensstrategie des Individuums kann der Rückzug auf sich »selbst« sein. Das Individuum kann aber ebenso gut mit der Außenwelt in Beziehung treten, indem es Eingriffe (Interventionen) oder Störungen (Interferenzen) vornimmt.

Obwohl ich in meiner Arbeit immer versucht habe, beide Positionen miteinander zu verbinden, denke ich zur Zeit, dass, auch wenn das erstere weiterhin wichtig bleibt für kreative Aktivität, die Entwicklung des zweiteren lebenswichtig für die Bewusstseinsbildung und Handlungsfähigkeit der Gesellschaft selbst ist, besonders in Hinblick auf neue Totalitarismen, hervorgerufen und manipuliert durch die großen Informations-Konzerne (Multinationale).

Diese Arbeit behandelt in erster Linie die Dualität, die sich einerseits in der massiven Präsenz von konservativen Werten in unserer Gesellschaft zeigt, und andererseits in der angeborenen Kapazität jedes menschlichen Wesens, mit seinen Ideen interferierend einzugreifen. Konservative Werte, die nicht mehr adäquat sind, will man uns Tag für Tag mehr verkaufen, während die Möglichkeit der Interferenz in den großen Majoritäten, auch in den demokratischen, vollkommen ungenutzt bleibt. Dadurch wird eine Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu größerer Gerechtigkeit und Intelligenz wirkungsvoll verhindert.“

Im selben Jahr entstand auch die Installation BROKEN UTOPIAS (in Zusammenarbeit José Iges), in welcher wir über die klangliche Ebene der Arbeit darauf hinwiesen, wie Politiker aufgehört hatten von Utopien zu sprechen, während die Leute jedoch weiterhin ihre eigenen Utopien hatten. Die Utopien des 20. Jahrhunderts, aus heutiger Sicht betrachtet, bilden den Ausgangspunkt für die Entwicklung meiner Installation. Ferner werde ich nach aktuellen Utopien suchen, um diese in der Folge in einen Dialog mit denen des 20. Jahrhunderts zu bringen.

Dazu werde ich auf Ideen und Materialien zurückgreifen, welche ich in einigen meiner Arbeiten entwickelt und als Teile meines Vokabulars verwendet habe. In Form einer ortsspezifischen Installation werde ich den Ausstellungsraum so belassen wie er ist, ohne ihn zu transformieren, ihn also leer lassen und als Einheit behandeln und mit dieser Einheit arbeiten. Die Installation wird auch auf die besondere Situation, die durch die Schaufenster gegeben ist, eingehen, sodass sich eine doppelte Sicht ergibt: die eine von innen – im Ausstellungsraum – und die andere von außen – von der Straße aus.

AUF DER SUCHE NACH DER ZEIT DER UTOPIEN gilt als Weiterführung vorangegangener Arbeiten. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann ich ein Projekt, welches eben dieses Jahrhundert reflektierte. Das Resultat war eine ortsspezifische Installation mit dem Titel RESTOS ANÓNIMOS DEL NAUFRAGIO (ANONYME ÜBERRESTE EINES SCHIFFBRUCHS), welche 2002 im Kunstverein La Regenta von Las Palmas de Gran Canaria gezeigt wurde. Diese befasste sich mit dem Nachsinnen über das 20. Jahrhundert und richtete den Fokus auf die Lücke zwischen den erklärten Utopien und den prekären gesellschaftlichen Errungenschaften. Mehrere Arbeiten in jener Ausstellung verhandelten das Thema. Eine davon war die Kontemplation des 20. Jahrhunderts: QUE NOS ROBAN LA MEMORIA (DASS UNS UNSER GEDÄCHTNIS GESTOHLEN WIRD). Diese begann mit einer Route entlang der grundlegenden politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, widergespiegelt in den medialen Bildern unterschiedlicher Zeitungen, wechselwirkend mit anderen bedeutenden, hypothetischen Ereignissen, die niemals in den Medien genannt wurden: Pancho Villa und Zapatas Revolution, die Russische Revolution und der Panzerkreuzer Potemkin, die Russische Revolution und Lenin, die Entstehung der Vereinten Nationen, eine Gruppe von Gewerkschaftern, das revolutionäre Komitee der Zweiten Spanischen Republik, die Ausrufung der Zweiten Republik auf der Puerta del Sol, die provisorische Regierung der Zweiten Republik, La Barraca (das Theaterensemble von Federico Garcia Lorca), Maos Langer Marsch, die Geburt der EWG, die Kubanische Revolution in den Bergen, Fidel Castros Einzug in Havanna mit den Revolutionären aus den Bergen, Sartre und die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich, Chinas Kulturrevolution, die Nelkenrevolution in Portugal, der Pakt von Moncloa sowie die Perestroika und der Fall der Berliner Mauer. Zwischen all diese Bilder platzierte ich Zeichnungen, die auf andere entscheidende Ereignissen des 20. Jahrhunderts verweisen, aber nicht von den Medien aufgegriffen wurden und dementsprechend in die Anonymität gesunken waren.

Eine weitere Arbeit, die in Zusammenhang mit der zuvor erwähnten steht, und auf die die aktuelle, für das esc medien kunst labor entwickelte, aufbaut, war die (audiovisuelle) Installation JARDÍN DE AUSENTES (GARTEN DER ABWESENDEN), in deren Mittelpunkt ein Video steht, welche die Bilder der grundlegenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts — der zuvor beschriebenen Installation— mit Bildern von Persönlichkeiten vermischte, welche dieses erheblich beeinflussten: das Ehepaar Curie, eine Suffragette, Marconi, Einstein, Freud, Pablo Iglesias, Manuel Azaña, Frida Kahlo, die Brüder Lumière, Marinetti, Che Guevara, Lenin, Picasso, Trotzki, Joyce, Mao, Sartre, Antonio Machado, Kafka, Proust und John Cage. Alle Bilder tauchten immer wieder aus dem Inneren eines auf Grund gelaufenen Schiffes, das auf sein endgültiges Bersten wartet, auf und verschwanden wieder darin. Der Ton entstammt historischen Aufnahmen großer Schriftsteller*innen der historischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts: Gertrude Stein, Marinetti, Ramón Gómez de la Serna, Joyce, Artaud, Borges etc. und ist versetzt mit unterschiedlichen Klängen wie, unter anderem, hochfrequenten Tönen, Morsecode Signalen und Musik der „Intonarumori“. Als Interferenzeinheiten wurden sechs schwarze Stühle im Ausstellungsraum arrangiert. Unterhalb jedes Stuhles war eine Warnlampe angebracht, um die Besucher*innen aufmerksam zu machen, während auf den verbleibenden drei Wänden vierzig kleine Acryl-Spiegel gehängt, auf denen vierzig unterschiedliche mehrdeutige Wörtern angebracht waren. Diese interagierten mit den Videobildern: Wenn letztere in den Spiegeln reflektiert wurden, erschienen sie als Abbilder, indem sie in jede Richtung projiziert wurden.

Auch in NAUFRAGANDO ANÓNIMAMENTE ENTRE PARAÍSOS IMAGINADOS (ZWISCHEN DEN IMAGINIERTEN PARADIESEN ANONYM SCHIFFBRUCH ERLEIDEND) bildet die Betrachtung des 20. Jahrhunderts das Zentrum. Dabei fungieren die Worte als rechteckiger Rahmen oder Basis, innerhalb dessen ein künstliches Boot liegt, gefüllt mit Erinnerungen und Herberge bzw. Gedächtnis des vergangenen Jahrhunderts. Als Paradigma des 20. Jahrhunderts, vermittelt es die Idee des Zusammenbruchs eingehender als analytische Kunstgriffe es oft vermögen.

Klänge decken sich scheinbar mit den Bildern alter Boote im Hafen — einem Bild, das in fast jedem Gedächtnis gespeichert ist; unlesbare Schriftzüge auf durchscheinenden Polyesterblättern; Transparenzen und fluoreszierendes Licht sind die verbleibenden Elemente, welche dazu beitragen, dieses erste Gedächtnisportrait von Trümmern und Fetzen zu skizzieren. Hier gibt es keinen Raum für Utopie. Es ist vielmehr eine Reise ans Ende der Nacht, auf der das Boot niemals das Paradies erreichen wird. Ausgehend von dieser Installation entstanden 2007 fünf Stücke unter dem Titel HABITANTES DE PARAÍSOS IMAGINADOS (EINWOHNER DES IMAGINIERTEN PARADIESES): Fünf Leuchtkästen mit fünf Bildern des Bootes von NAUFRAGANDO ANÓNIMAMENTE ENTRE PARAÍSOS IMAGINADOS (ZWISCHEN DEN IMAGINIERTEN PARADIESEN ANONYM SCHIFFBRUCH ERLEIDEND).

 

All die bisher genannten Arbeiten dienen als Toolbox für die 2017 zu realisierende, die darüber hinaus eine Fortführung einer lange währenden Zusammenarbeit zwischen mir und dem esc medien kunst labor bedeutet. 1994 entstand meine erste Arbeit für den Kunstverein esc: WALKING THROUGH INTERFERENCES BEYOND BROKEN UTOPIAS. 2010 folgte ein weiteres Projekt in Graz unter dem Titel 155h4min33sec (2044 SPACES OF 433), dessen Inhalt der Diskurs über live verbrauchte ZEIT war.

 

AUF DER SUCHE NACH DER ZEIT DER UTOPIEN handelt von Dialog zwischen den wichtigen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, welche ihren Ursprung in Ideen haben, die utopisch erschienen und doch die Welt veränderten, und zeitgenössischen Ideen, die utopisch sind, aber ebenso unsere Welt verändern können.

Kooperationen/Koproduktionen: 

steirischer herbst 2017

kunst@werk

ORF Lange Nacht der Museen 2017

ORF musikprotokoll 2017