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ESC 2008
Kunst!
Reni Hofmüller
Eine in Kommunikationstrukturen begründete Kunst versteht sich ? neben
operativen und organisatorischen Konsequenzen ? vor allem durch die
Offenheit gegenüber ihrer Prozessierung. (Heimo Ranzenbacher)
Interdisziplinarität/Intermedialität
De facto ist es so, dass Menschen, die bestimmte künstlerische Felder
teilen, bzw. diese Felder schaffen, ähnliche Diskurse teilen. Deswegen
können sie Austausch und Interkommunikation auch sehr viel intensiver
betreiben, und sehr viel besser adäquate Präsentationen dieses
Diskurses zustande bringen.
Diskurs bedeutet hier die Struktur des Verstehens eines
Kunst(um)feldes, oder der speziellen sozialen Bedürfnisse, die wir
teilen. Wie üblich, ist der künstlerische Diskurs in weiten Teilen
nonverbal, und transferiert in andere Arten von Ausdruck, die
verschiedenen Genres, wie Konzert, Ausstellung, Performance und
Präsentation. Der Ideenaustausch kommt aber häufig zu kurz. Hier geht
es v.a. um die Artikulation von Ideen, die immer ganz am Anfang einer
neuen Arbeit stehen.
Diese Zwischenräume entstehen in einer bestimmten Phase des Arbeitens
und lösen sich dann auch wieder auf; sie sind gewissermassen ein
tempörar existierendes Wesen.
Die ESC ist Ort des intensiven Austauschs, auf Basis der gerade
geschehenden Kommunikation. Diese Zwischenräume sind zugänglich
während und gerade nach der künstlerischen Aktion, zu einem Zeitpunkt,
wo die Fragen auftauchen. In der ESC soll es sowohl um diese Fragen
als auch um konkrete Umsetzungen gehen; der Austausch, das intensive
Auseinandersetzen ist gleichwertig und genauso wichtig wie die
wirklichen Umsetzungen in real begehbare Räume.
Deswegen ist es wichtig, dass diese Zwischenräume von realen Personen,
von Individuen geschaffen werden, die selber Kunstschaffende sind,
also: keine KuratorInnen ? sondern KünstlerInnen.
Der Philosophie der ESC folgend, werden zum einen die jeweils
aktuellen Strömungen aufgespürt und gezeigt; gleichzeitig geht es
auch um die kontinuierliche Beobachtung und Weiterentwicklungen von
bereits existierenden Projekten. Der Intention der ESC entsprechend
sollen künstlerische Arbeiten nicht nur über einen kurzen Zeitraum
(z.B. Ausstellung) vermittelt werden, sondern über längere
Zeitperioden mitverfolgt (produziert) und damit mögliche Veränderungen
zugänglich gemacht (re/präsentiert) werden. Neben den physischen
Räumlichkeiten der ESC dient dazu auch die von der ESC betriebene
Netzwerkarbeit als Plattform zur kontinuierlichen Weiterarbeit an
künstlerischen Arbeiten auf Basis von Informationstechnologien.
Kunst nur als die Summe der in ihrem Namen hervorgebrachten Werke,
oder gar nur einer bestimmten Art von Werken sehen zu wollen und nicht
auch als ein Denk-und Handlungssystem bzw. als ein System von Denk-und
Handlungssystem, wäre eine unzulässige Verkürzung.
Daher ist es notwendig, eine Initiative wie die ESC neben den
Ereignissen, die in ihren Räumen an ausgewiesenen Besuchstagen
stattfinden, auch darin begründet zu sehen, was sie als Bindeglied im
Netz um sie herum zu dessen Entstehung beigetragen hat und zu dessen
Bestand beiträgt.
Dabei sind Überlegungen zum eingesetzten Material ebenso wichtig wie
die Reflexion über die Wahl der Werkzeuge, und die Medien, mit denen
ein künstlerisches Werk realisiert wird. Die ESC ist aufgrund dieser
Überlegungen schon seit Ende der 1990er Jahre ein Haus der Freien
Software.
Neben rein technischen und juristischen Aspekten rund um Freie
Software, müssen wir uns ganz allgemein mit möglichen
Zukunftsperspektiven unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Zu einem
Zeitpunkt, da geistiges Eigentum (Intellectual Property) heftigst
debattiert wird, und manche Gruppen von Menschen an ihren
Territorialansprüchen festkleben, haben andere sich entschieden, ihr
Wissen, ihre Kunst, ihre Netzwerke zu teilen.
Wie in den vorangegangenen Jahren ist eine Kombination aus
Ausstellungsprojekten und worklabs geplant, die auf Entwicklung und
Vermittlung neuer Technologien angelegt sind, mit daraus
resultierenden Installationen und Kooperationen mit KünstlerInnen aus
verschiedenen Bereichen der Medien- und Informationskunst.
Und wie in den vorangegangenen Jahren versteht sich die ESC als
Verfechterin des Öffentlichen ? Public Domain und Intellectual
Property sind keine Behübschungen im Kunstdiskurs, sondern zentrale
Ausgangsüberlegungen, ohne die die gesamte Kunstproduktion ihre
Relevanz verliert. Die ESC setzt der Privatisierung von Kunst bis in
die Köpfe der BetrachterInnen ein offenes Experimentierfeld entgegen.
Kunst ist kein Luxus, Kunst ist Notwendigkeit.
Weltzien beschreibt in seinem Beitrag zu Momente im Prozess ?(...)
Kunst als eine Größe, die in einem Prozess von gewisser Dauer entsteht".
Das bedeutet in Folge für die Arbeitsweise der ESC, dass sie neben der
Repräsentationstätigkeit v.a. die Produktionstätigkeit ermöglichen
muss, weil nur so diese "Prozesse von gewisser Dauer" überhaupt
entstehen können.
"Historisch hat sich die Idee einer dynamischen Kunstauffassung, die
die Werke der bildenen Kunst nicht als ewig unveränderlich gültige
begreift, in einer Zeit herausgebildet, in der der Schaffensprozess
selbst Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung geworden ist. Oder
anders formuliert: Wenn die Theorie Kunst nicht als ein jähes
Erscheinen in der Produktion ? Inspiration, Vision, Eingebung oder
dergleichen ? begreift, sondern Kunst versteht als eine Größe, die
fern aller Plötzlichkeit in einem Prozess von gewisser Dauer
allmählich entsteht, dann antizipiert dies eine Haltung, die auch die
Ansprüche von Ewigkeit und Überzeitlichkeit von Kunst generell in
Frage stellt. Als Folge können Entwicklungslinien hin zur
Valorisierung des Performativen und der Auflösung des Werkbegriffs
verfolgt werden."
Reni Hofmüller
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