2014

Die Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt.

Versuch einer [De]Fragmentierung

Die Kunst hat mehr Möglichkeiten, uns an die Erlebniswelt zu koppeln, und daher dem Individuum zu einer höheren Geltung zu verschaffen. Die Kunst erhält den Menschen am Leben, damit er nicht in universalistischen oder globalen Strukturen verloren geht. Götschl, 2013

The context is everything. (Marina Abramovic)

1989 beschreibt Vilém Flusser die allmähliche Auflösung der Grenze zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum, indem er „Anzeichen für ein neues Unbehaustsein“[1] konstatiert. Das klassische Haus in seiner Funktion als Wohnung für Menschen besteht aus einem Dach, Mauern, Fenstern und Türen. Die Mauern definieren die Grenze zwischen innen und außen: „Die Außenwand ist politisch, die Innenwand heimlich, und die Mauer hat das Geheimnis vor dem Unheimlichen zu schützen.“[2] Die Maueröffnungen – Fenster und Türen – sind Mittel der Welterfahrung. Das Fenster dient zum gefahrlosen Hinausschauen, also zur Erkenntnis der Welt ohne nass zu werden, also zur Theorie, während Türen „Mauerlöcher zum Ein- und Ausgehen (sind). Man geht aus, um die Welt zu erfahren“. In einer klassischen Ordnung markiert das Überschreiten der Schwelle die Verwandlung des privaten zum politischen Menschen. Welterfahrung wird per se zum politischen Akt, weil er nur im öffentlichen Raum, der Agora, stattfinden kann. Allerdings ist selbst für Flusser dies schon Geschichte; gleichzeitig zeichnet er ein Bild vom ruinösen Heim, von Kabeln und Anschlüssen durchlöchert, durch die der metaphorische Wind der Information weht. So wäre eine Möglichkeit geschaffen, an der Welt zu partizipieren, ohne die private Behausung verlassen zu müssen.

Es scheint eine Konstante der Geschichte zu sein, dass Verheißungen und Hoffnungen, die mit Entwicklungen einher gehen, sich all zu oft in ihr Gegenteil verwandeln. Während Flusser angesichts der neuen Technologien utopistisch von einem Netz von Beziehungen träumte, das uns in unseren löchrig gewordenen Heimen auf Basis von Kommunikation verbinden und so die Übermacht der Broadcast-Medien durchbrechen würde, müssen wir ein Vierteljahrhundert später ernüchtert feststellen, dass gerade diese Technologien nicht nur die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt aufgelöst haben, sondern die beiden Welten gleich mit dazu.

Damit der Innenraum des Menschen funktionieren kann, braucht er die Freiheit einer Privatsphäre. Diese wiederum benötigt Geheimnisse. Dass wir sie freiwillig aufgeben, indem wir alle privaten Informationen bereitwillig ins Netz einspeisen – sei es als bloße Akteure zur Erhöhung der eigenen Vernetzungsdichte (Facebook), oder der eigenen Bequemlichkeit wegen, um sich zukünftige Aktionen zu erleichtern (Google, Youtube, Amazon) – erstaunt ob der Tatsache, dass es offensichtlich ist, dass alle diese Informationen wirtschaftlich genützt, registriert, überwacht und schließlich dazu verwendet werden, unser Verhalten zu manipulieren, zu reglementieren und im Extremfall zu verbieten. So zielen etwa interne Rankingmethoden bei Firmen – die uns KundInnen zurücksetzen und von wichtigen Informationen oder guten Angeboten ausschließen, wenn wir zu kritisch oder unbequem sind – unauffällig darauf ab, uns zu verhaltensunauffälligen, pflegeleichten und vor allem angepassten KonsumentInnen zu erziehen.

Die Dezentralisierung des Wissens und der Information durch Netzwerke, weltweite Serververbände und Cloud-Computing schafft zwar eine raschere Verfügbarkeit dieser für jede/n einzelne/n, jedoch auch eine Abhängigkeit von jenen, die diese Mechanismen erst ermöglichen und verwalten. Dass es sich dabei im Normalfall um zentralistisch/hierarchisch organisierte Interessensgruppen, Konzerne und Institutionen handelt, die darüber hinaus mit den Inhalten ursächlich überhaupt nichts mehr zu tun haben, wird leicht übersehen. Unsere Bücher werden nicht mehr von BibliothekarInnen verwaltet, sondern digitalisiert und unsere Auswahl von Algorithmen vorbestimmt; dass hier nicht eine historisch-kritische Einordnung und Aufarbeitung des gesammelten Wissens im Vordergrund stehen, darf als gegeben angenommen werden. Auch die Dezentralisierung der Orte, wo man Güter des täglichen Bedarfs erwerben kann, aus den Städten heraus in Einkaufszentren, die allerorten aus dem freien Feld wachsen wie früher Kartoffel oder Getreide (und unter dem Vorwand, die sonst so unterversorgte ländliche Bevölkerung zu befrieden), schafft neue Abhängigkeiten. Wie das Wort Einkaufszentrum schon impliziert, beginnen Zentripedalkräfte zu wirken, die jegliches ökonomische und soziale Gebaren der Menschen – von der Anlieferung und Distribution der Waren, über das durch ein Joint-Venture aus Konzernen und Vergnügungsindustrie gesteuerte Einkaufsverhalten bis hin zum Abtransport der Beute – letztlich (da ja alles mit dem Auto erledigt werden muss) in das schwarze Loch der Petrochemieindustrie einsaugen.

Parallel dazu scheint auch der Außenraum des Menschen, der durch politisches Handeln definierte öffentliche Raum, die Agora, zunehmend verloren zu gehen. Es gibt kaum mehr Plätze, wo man kommunizieren kann, ohne konsumieren zu müssen. Wegweisungsrechte, die neben der staatlichen Gewalt mehr und mehr von privaten Sicherheitsdiensten exekutiert werden dürfen, bauliche und technische Vorrichtungen dienen dazu, diese von sogenannten unerwünschten Individuen frei zu halten. Auch der Raum für politische Aktion – etwa zum Zweck von Demonstrationen (ein Grundrecht des Menschen) – wird durch Einrichtung von Bannmeilen, Vermummungsverbot u.ä. beschnitten.

Seltsamerweise scheint uns das alles nicht sonderlich zu bekümmern. Die Medien fokussieren immer mehr auf private Befindlichkeiten statt Gedanken freizuhalten und freizumachen für den Diskurs über Angelegenheiten, die für die Gemeinschaft – also Öffentlichkeit – relevant sind.  Als Menschen werden wir a-politische Wesen und gehen dadurch als öffentliche Personen verloren. Im Gegenzug wird unser Rückzug auf unser Inneres zur Pseudo-Privatheit. Fragmentierung setzt ein. Wir können unseren Status als Individuen, die aus uns heraus (=Innen) auf eine Welt (=Außen) reagieren, nicht mehr aufrecht erhalten, sondern werden zunehmend kontextualisiert. Wie gehen wir damit um, dass unsere Wünsche, Sehnsüchte, Gedanken und Träume über unsere Apparaturen, Gadgets, Devices mehr und mehr in unsere Umwelt diffundieren? Wie gehen wir damit um, dass Google, Facebook, Youtube und Co – wohlgemerkt auf unseren Wunsch – Filter einbauen, die uns aufgrund der Analyse unseres Verhaltens von der Welt nur mehr das sehen lassen, was wir wollen, beziehungsweise was unsere Freunde auch sehen? Wie gehen wir damit um, dass das was wir sind, unser Verhalten – also unsere Bewegung in und mit den Datenströmen, die wir verursachen und durch die wir geleitet werden – nicht mehr im Familienalbum abrufbar ist, sondern auf den Speichern der Geheimdienste, schon vorauseilend aufgezeichnet, für den Fall dass wir auffällig würden?

Längst haben wir die Kontrolle über den öffentlichen (den politischen) Raum verloren. Dieser Kontrollverlust bringt uns dazu, uns ins Private zurückzuziehen. Unsere kleine Welt scheint tatsächlich das einzige zu sein, das wir noch kontrollieren können. Und so genügen wir uns, sie zu gestalten, zu hegen und zu pflegen, anstatt gestalterisch eingreifen zu wollen in globale Probleme und Zusammenhänge. Werden wir für die Welt unsichtbar und die Welt für uns? Werden wir letztendlich für uns selbst unsichtbar?

Oder gäbe es eine Chance, uns selbst in der Welt wiederzufinden? Was wären Strategien der Defragmentierung?

 

[1] Vilém Flusser, Häuser bauen; in: Ders., Medienkultur, Frankfurt/Main, Fischer, 1997, p.160. Der Artikel erschien erstmals unter dem Titel „Einiges über dach- und mauerlose Häuser mit verschiedenen Kabelanschlüssen“ in: Basler Zeitung, 22. März 1989

[2] Ebda, p.161