2016

Zerstören/Destroying

Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass unsere heutige Zeit die Ansammlung aller Dystopien der vergangenen 50 Jahre darstellt. Alles, was Orwell, Lem, Harryhausen und Gibson – um nur einige zu nennen – beschrieben haben, ist eingetroffen bzw. wird  an Negativem sogar übertroffen. Darüber hinaus werden menschliche Ängste und Ohnmachtsgefühle bewusst geschürt. Politische und ökonomische Autoritäten machen sich den Terror, die Flüchtlingskrise und die damit verbundene Unsicherheit zunutze, um effizientere Überwachung, vermehrte Waffenproduktion, erweiterte Polizeibefugnisse, die Aussetzung von rechtsstaatlichen Gesetzen und Prinzipien, rigidere Asylpolitik, die der Menschenrechtskonvention in allen Punkten widerspricht, und ähnliches mehr zu forcieren und gewinnbringende Geschäfte zu machen.

Die Weltgemeinschaft und mit ihr jede/r einzelne ist nur noch damit beschäftigt, Katastrophen zu managen und deren Folgen auszuräumen, anstatt die Ursachen dieser Katastrophen zu bekämpfen und über alternative Lösungen nachzudenken.

 

Was bleibt angesichts von Resignation und der daraus resultierenden Passivität?

 

Das Redbull-Magazin meint: „Die große Kulturform unserer Zeit heißt Party. Feiern als Selbstzweck, Loslassen und Abtanzen als Way of Life. Die Kultur-Ikonen unserer Zeit sind Mega-DJs. Sie definieren globale Trends, füllen Stadien, kassieren Hollywood-Gagen. Wer sind diese Superstars? Was treibt sie, wofür stehen sie, und was lernen wir von ihnen?“

Oder der Konsum als neue Kulturform? Solange wir konsumieren, glauben wir, wir hätten einen Gestaltungswillen und eine Gestaltungsfreiheit, indem wir aus dem vielfältigen Angebot wählen. Wir entwerfen unseren Lifestyle als Ausdruck kultureller Identität.

 

Wir leben in einer Zeit, die per se unschuldiges Handeln verunmöglicht. Sich „gesund“ zu ernähren, heisst auch der Lebensmittelindustrie mit Nahrungsergänzungsmitteln, Functional-Food, Light-Produkten, etc. Milliardengewinne zu verschaffen. Auf körperliche Gesundheit achten bedeutet auch, einen riesigen Markt von Wellness-, Fitness-, und Sportartikeln und -angeboten zu bedienen, sich einer Lifestylediktatur zu unterwerfen. Wenn wir uns für erneuerbare Energien einsetzen, unterstützen wir gleichzeitig den rasanten Abbau seltener Erden, der ganze Landstriche verwüstet und die Gesundheit von Tausenden von ArbeiterInnen ruiniert, usw.

 

Birgt die Auseinandersetzung mit den ausbeuterischen Vorgängen, mit den Katastrophen in dieser dystopischen Welt auch die Gefahr, neue, noch raffiniertere Geschäfte und Spekulationen zu befeuern, bzw. wohnt der Darstellung von Elend und Leid die Gefahr inne, eine Ersatzhandlung anzubieten, die wirkliches Handeln ersetzt?

 

Als Elendstourismus bezeichnete es Klaus Peymann in einem Interview und sagte:

„Man kann diese furchtbare Wirklichkeit nicht abbilden, sondern ihr nur den Traum einer anderen Welt entgegenhalten!“

 

Bei Bloch braucht Konkrete Utopie Hoffnung – gibt es kein „jenseits der Hoffnung“. Sie kann enttäuscht werden, aber sie stirbt nicht. Das Prinzip ist so stark, dass es sich jeder Katastrophe widersetzt.

 

Wie stark also wäre Utopie? Hätte sie nicht  ungeahnte, politische Sprengkraft? Was würde sich ändern, wenn Menschen sich die Freiheit nehmen würden, Zeit und Phantasie darauf zu verwenden, neue Gesellschaftsmodelle zu kreieren?

 

Auch Robert Jungk verstand Utopie als Antrieb für soziale Erfindungen in einer wünschenswerten Zukunft. Er setzte sich für eine Demokratisierung des utopischen Denkens durch Förderung der Phantasie ein und begriff dies als politisches Mittel, um angesichts gesellschaftlicher Krisen nicht in Passivität und Resignation zu versinken. In dem von ihm gemeinsam mit Rüdiger Lutz und Norbert R. Müllert entwickelten Zukunftswerkstatt-Konzept sollen Menschen  vom Objekt der Zukunftsplanung zum Subjekt eben dieser Planung werden, und sich ausgehend vom lokalen Handlungskontext größere Handlungsräume erschließen.

 

Schon lange existieren Vorstellungen, die ökonomisch bestimmte Erwerbsarbeit abzuschaffen, etwa in Paul Lafargues 1880 erschienenen Schrift  „Das Recht auf Faulheit“, in der es um die Abschaffung kapitalistischer Produktionsweisen geht. Die Menschen sollen nur solchen Arbeiten nachgehen, die ihrer Selbstverwirklichung entsprechen. Bereits 1516 beschreibt Thomas Morus in seinem Roman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ – der Ursprung des Utopie-Begriffes  – in Form eines philosophischen Dialoges eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen. In diesem Zusammenhang auch interessant ist, dass bereits hier ein leidenschaftliches Plädoyer für die Abschaffung des Privatbesitzes enthalten ist.

 

Hier schließt sich der Kreis zur aktuellen Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen. Was würden wir zustande bringen, wenn wir frei wären vom Umstand, mit Arbeit (zu wenig) Geld zu verdienen, um unser Leben zu finanzieren? Wenn gearbeitet würde nach Sinnhaftigkeit?

Wenn wir Zeit und Muße hätten für Bildung? Würden wir Lösungen finden –  frei von ökonomischen und politischen Zwängen der Realisierbarkeit?

 

Gelingt es uns 500 Jahre nach dem ersten Auftauchen von Utopie einer dystopischen

Matrix zu entfliehen? Ein neues Programm zu schreiben? Ist die Kunst in all ihren Facetten und Wirkungen ein effektives Instrument, eine Insel der Utopie?