theatrum mundi

Ausstellungsprojekt im esc medien kunst labor und in der Schaufenstergalerie SCHARF

Laufzeit: 

28/07/2018 bis 29/08/2018

Öffnungszeiten: 

Schaufenstergalerie SCHARF:

Eröffnung: Fr, 22.06.2018, ab 19 Uhr

Ausstellungsdauer: 23.06. - 25.09.2018

esc medien kunst labor:

Eröffnung: Fr, 27.07.2018, ab 19 Uhr

Ausstellungsdauer: 28.07. - 29.08.2018

Finissage und Symposium:

Mi, 29.08.2018, 19 Uhr

Eröffnung: 

Freitag, 27. Juli 2018 - 19:00

Termine: 

(c) Niki Passath_theatrum mundi_Sujet

Das Ausstellungsprojekt theatrum mundi untersucht in zwei Ausstellungen, an zwei Orten, in der Schaufenstergalerie SCHARF und im esc medien kunst labor, die Entwicklung von Weltmodellen und wirft dabei die Frage auf, wie sie sich zukünftig gestalten könnten.

In differenten Wissenschaftsbereichen wurden und werden Modelle der Welt entwickelt: Von der Astronomie und Physik, über die Informatik bis hin zur Philosophie, Psychologie und Mythologie. In den Ausstellungen im esc medien kunst labor und in der Schaufenstergalerie SCHARF spielen quantenphysikalische- und mechanische Überlegungen eine entscheidende Rolle, denn ihre Ergebnisse führen deterministische Weltmodelle ad absurdum und ermöglichen ein pluralistisch angelegtes Denken von Welt. „Durch Quantenphysik und Quantenmechanik werden viele Gedankenspiele möglich. Quantenphysikalisch ist Gott möglich, Glaube und Naturwissenschaften widersprechen sich also nicht mehr zwangsläufig.“ [Niki Passath]

 

Mit der Entdeckung des Urknalls wurde die Entstehung und Entwicklung des Kosmos nachvollziehbar. Der Astronom Carl Sagan stellte daraufhin 1988 fest: „Für einen Schöpfer bleibt da nichts zu tun.“ Auch der britische Physiker Stephen Hawking meinte im Kontext seiner M-Theorie, die ausgehend von der Stringtheorie die Annahme vertritt, es gebe mehrere Universen mit je eigenen Naturgesetzen, ein Universum könne sich selbst erschaffen und sei nicht auf die Intervention eines übernatürlichen Wesens angewiesen. Hawking widmete sich sein ganzes Leben der Suche nach einer alles erklärenden Weltformel die innerhalb der M-Theorie ihren Ausdruck fand: „Man könnte einfach sagen: Die Grenzbedingung des Universums ist, dass es keine Grenze hat. Das Universum wäre völlig in sich abgeschlossen und keinerlei äußeren Einflüssen unterworfen. Es wäre weder erschaffen noch zerstörbar. Es würde einfach SEIN.“1 (Stephen Hawking) Diese Annahme würde eine/n Schöpfer*in des Universums ausschließen. Inzwischen hat Hawking nicht nur seine früheren Ideen erweitert und einige neue kosmologische Fragen aufgegriffen, sondern er hat seine früheren Hypothesen zum Teil auch wieder revidiert. So meinte er zuletzt, dass der Urknall womöglich doch nicht der Beginn von Raum und Zeit gewesen sei, sondern ein Übergang, die Naturgesetze würden dann seine weitere Entwicklung bestimmen. Auch zur Frage nach Gott gibt es von Hawking verschiedene Statements, so wie: „Diese Gesetze können von Gott erlassen worden sein oder nicht, aber er kann nicht eingreifen und die Gesetze brechen, sonst wären es keine Gesetze. Gott bliebe allenfalls die Freiheit, den Anfangszustand des Universums auszuwählen. Aber selbst hier könnten Gesetze herrschen. Dann hätte Gott überhaupt keine Freiheit.“2 Andere Wissenschaftler aus der theoretischen Physik, wie beispielsweise Max Planck glaubten an das „Walten einer göttlichen Vernunft“ in punkto Entstehung des Kosmos. Nach dem Physiker Anton Zeilinger wird Gott in der Naturwissenschaft wie folgt spürbar: “Es gibt zwei Fragen: Die eine ist die Rolle eines Gottes des Uhrwerks, der das Uhrwerk geschaffen und in Gang gesetzt hat. Mit welchen Anfangsbedingungen wurde dieses Uhrwerk in Gang gesetzt, denn das bedingt die Zukunft. Nach welchen Gesetzen läuft das Uhrwerk? Hier sind Antworten innerhalb der Naturwissenschaft nicht möglich. Die zweite Frage ist, ob es neben dieser Anfangsbedingungsfrage auch die Möglichkeit gibt, aus Sicht der Naturwissenschaft, einzugreifen. […] Abgesehen davon gibt es sehr wohl Dinge vom Naturwissenschaftlichen her im Naturgeschehen, die kausal nicht erklärbar sind. Das ist der quantenmechanische Einzelprozess, der so genannte Quantensprung, das ist kausal nicht erklärbar.”3

 

Prinzipiell verändert die Quantenphysik und die Quantenmechanik unser Bild von Wirklichkeit und widerspricht dabei eigentlich unserem Verstand, beispielsweise wenn es darum geht, das ein Ding gleichzeitig an zwei Orten existent sein kann, Zeilinger bemerkt hierzu: “Es gibt die berühmte Verschränkung, wo zwei Teilchen so zusammenhängen, dass die Messung an einem Teilchen den Zustand am anderen Teilchen ändert. Dieses Phänomen bedeutet, dass wir entweder von unseren Vorstellungen über Raum und Zeit Abschied nehmen müssen – oder von unseren Vorstellungen über Wirklichkeit. Oder von beidem. […] Wir brauchen eine neue Weltsicht, bei der wir unsere Vorstellungen von Wirklichkeit und von Raum und Zeit ändern.”4

 

Zwischen den Bereichen Wissenschaft und Spiritualität lassen sich also Anknüpfungspunkte nachzeichnen und Verbindungslinien innerhalb verschiedener Argumentationen und Hypothesen ziehen, ebenso wie zwischen den Feldern Kunst und Spiritualität. Im Kontext des Verhältnisses differenter Modelle von Welt zueinander ergibt sich ein Berührungspunkt zwischen Kunst und Spiritualität – während spirituelle Modelle von Welt die Relation von beobachtbarer und nicht beobachtbarer Welt in den Blick nehmen und damit je nach kulturellen Zusammenhang und Doktrin verschiedene Versionen der Beziehung zwischen Immanenz und Transzendenz formen, kann die Kunst den Modellcharakter ihrer Entwürfe betonen.5

 

Innerhalb einer Gesellschaft prallen differente Modelle von Welt aufeinander – dabei geht es um verschiedene Ansätze „Welt“ zu denken, die nebeneinander bestehen, teils in harmonischer, teils in polarisierender Beziehung zueinander. Bedeutungen und Wertigkeiten sind keinesfalls festgeschrieben, sondern unterstehen, sowie per se Identität, einem permanenten Wandel. Dabei zu beachten ist das „kopernikanische Paradigma, in dem Weltmodell und Weltbild sich gleichsam […] durchsetzen, aber nicht mehr bedingungslos aufeinander projizierbar sind. In der Weise wie sie voneinander divergieren und sich gegenseitig in Frage stellen, werden Gemeinsamkeiten und Wechselwirkungen […] manifest.“6 Im Kontext der Ausstellungen würde man von einem organischen Weltmodell sprechen, das sich in der Installation in einem rhizomatischen Aufbau [Vgl. Rhizom – Gilles Deleuze und Felix Guattari] manifestiert und das sich auf die Ganzheitlichkeit der Weltbetrachtung bezieht: „Organische Betrachtungsweisen vertreten eine holistische Konzeption der Welt, sie begreifen das Universum als absolut und unendlich und betonen die natürliche Einheit und den Zusammenhang aller Existenzformen der Natur. Sie konstituieren eine Welt kontinuierlicher und ungelenkter Veränderungen, in der alle Teile integraler Bestandteil des Ganzen sind […]. Organische Weltmodelle sind daher anti-dualistisch, sie überwinden den Hauptwiderspruch des abendländischen Denkens, d.h. den Gegensatz von Materie und Geist, Leib und Seele [...].“7

 

Kunst wird in diesem Sinn, unter dem Aspekt kategorischer soziokultureller und gesellschaftlicher Bedingungen, als Labor definiert in dem immer wieder aufs Neue ein sinnstiftender Beitrag zu einem aktuellen geistigen Weltmodell entwickelt werden kann. Passath versinnbildlicht, durch seine in Bewegung versetzten Objekte, den Wandel von Weltmodellen, damit einhergehend auch von Weltbildern. Im Ausstellungsprojekt theatrum mundi werden in der Schaufenstergalerie SCHARF und im esc medien kunst labor ortsspezifische Installationen realisiert: Verschiedene Zahnräder unterschiedlicher Größen werden von einem Antrieb bewegt, die Geschwindigkeit der einzelnen Räder ist unterschiedlich schnell und die Richtung gibt einen Anstoß, dass sich die Form des Ganzen in sich verändern kann: „Es gibt also auch nicht die absolute Position. Ich würde die Starrheit dieser Gedankenwelten gerne aufbrechen. […] Das Weltbild muss nicht immer so strikt definiert sein, gerade die Übergänge sind das Interessante.“ (Niki Passath). Diese, speziell für die Ausstellungsräume der Schaufenstergalerie SCHARF und des esc medien kunst labors entwickelten Installationen werden kombiniert mit Werken aus der Serie „totem“, die in einer altarähnlichen Situation aufgebaut werden. In ihrer Ästhetik erinnern sie an Reliquien aus längst vergessenen Zeiten – und ähnlich aufgebahrt werden sie innerhalb der Installation montiert. Unregelmäßiges ruckartiges Zucken markiert Unstimmigkeiten im System der Konstruktion, die den fortlaufenden Prozess jedoch nicht stoppen. Die Konstruktionen des Künstlers können als Modelle heterogener Gesellschaften, die sich im ständigen Umbruch befinden, gedeutet werden.

 

Die besondere Architektur des Raumes wird explizit zum konzeptionellen Ausgangspunkt der Ausstellung. Die Schaufenstergalerie SCHARF bewegt sich in ihrem kuratorischen Konzept prinzipiell an der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen Raum und dem White Cube. Die Glasflächen, die das esc medien kunst labor von allen Seiten durchlässig für die Blicke von Passant*innen machen, öffnen den Ausstellungsraum in den öffentlichen Raum und machen die passive Partizipation der Fußgänger*innen zum vervollständigenden Aspekt der Installation. So wird während der Sommermonate der Ausstellungsraum von Innen nach Außen transferiert und die Straße beziehungsweise der öffentliche Raum wird zum Ausstellungsraum.

 

Text: Elisabeth Saubach, MA und Iris Kasper, BA

 

Das Ausstellungsprojekt theatrum mundi wird in der Schaufenstergalerie SCHARF (Eröffnung: Fr, 22.06.2018, 19.00 Uhr / Dauer: 23.06. - 25.09.2018) und in Koproduktion im esc medien kunst labor (Eröffnung: Fr, 27.07.2018, ab 19.00 Uhr / Dauer: 28.07. - 29.08.2018) realisiert. Beide Ausstellungen sind Teil des Architektursommers 2018 (https://www.architektursommer.at/events/theatrum-mundi/) und diskutieren auf unterschiedliche Weise Kunst im öffentlichen Raum.

 

Koproduktion von contemporary collective graz (Elisabeth Saubach und Iris Kasper) und esc medien kunst labor im Rahmen von Architektursommer 2018, Kuratiert von: contemporary collective graz

 

1Stephen Hawking, zit. nach: Michael Odenwald, Stephen Hawkings 70. Geburtrstag - Genie auf Augenhöhe mit Albert Einstein, 08.01.2012, Quelle: https://www.focus.de

2Stephen Hawking, zit. nach: Michael Odenwald, Stephen Hawkings 70. Geburtrstag - Genie auf Augenhöhe mit Albert Einstein, 08.01.2012, Quelle: https://www.focus.de

3Anton Zeilinger zit. nach: Anton Zeilinger und Michael Landau im Gespräch mit Kurier-Autorin Gabriele Kuhn, Naturwissenschaft und Glaube - ein Widerspruch? Ein Priester und ein Quantenphysiker reden über Gott und die Welt, Kurier, 24.12.2013, Quelle: https://kurier.at/stars/naturwissenschaft-und-glaube-ein-widerspruch/41....

4Anton Zeilinger im Gespräch mit Gerlinde Wallner, Sommergespräch, Katholische Kirche, Erzdiözese Wien, Quelle: https://www.erzdioezesewien.at/site/home/nachrichten/article/51744.html

5Vgl. Quelle: https://www.uni-salzburg.at/ [Einführende Worte zu einem Vortrag von Rüdiger Lohlker, „Einheit, Immanenz, Transzendenz und Barmherzigkeit im islamischen Denken“ im Rahmen der Ringvorlesung „Transzendenzvorstellungen in Kunst, Literatur, Religion“, Vortrag am 12.06.2017, Beitrag veröffentlicht am 03.04.2017

6Aura Heydenreich, Vom astronomischen Weltmodell zum literarischen Weltbild: Johannes Keplers „Somnium“ zwischen faktualer Kosmographie und fiktionaler Selenographie – mit einem Kommentar zu Durs Grünbein „Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond“, in: Der Himmel als transkultureller, ethischer Raum, Harald Lesch u.a. (Hrsg.), Göttingen 2016, S.333 – 371, hier: S.366.

7 Isabel Wünsche, Naturerfahrung als künstlerische Methode: Organische Visionen in der Kunst der klassischen Moderne, in: Industriealisierung Technologisierung von Kunst und Wissenschaft, Elke Bippus u.a. (Hrsg.), Bielefeld 2005, S.86-112, hier: S.86-87.

  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi
  • (c) esc medien kunst labor / Foto: Niki Passath_esclab: theatrum mundi

Kooperationen/Koproduktionen: 

contemporary collective graz (Elisabeth Saubach, MA und Iris Kasper, BA)