2019

<anders anders>

Das Programm anders anders impliziert neue Verfahrensweisen und die Entwicklung von etwas Neuem. Wir leben in einer der wenigen Epochen der Menschheitsgeschichte ohne gesellschaftliche Gegenentwürfe zum Istzustand. Kunst besitzt die Qualität, der zufolge sich Kunstwerke aus der empirischen Welt begeben und dieser entgegengesetzte eigene Wesen hervorbringen, als ob auch diese ein Seiendes wären: Das bereits in Form literarischer Novellen und Science Fiction Erdachte wird im Kunstkontext weitergedacht. Während sich die Literatur auf aktuelle Ereignisse fokussiert und dabei überwiegend den Ton der Dystopie pflegt, erweitern Kunstprojekte den Raum in ein Mögliches und versuchen, was sein könnte, zu formulieren respektive zu simulieren.

 

Eine „realistische Utopie“ könnte aus den Künsten heraus entwickelt werden, heißt es bei Richard David Precht. Max Frisch postulierte bereits 1986: „Die Kunst ist der Statthalter der Utopie.“ Und Theodor W. Adorno nennt die Kunst ein „Refugium“, in dem Utopien einen Nährboden für ihre Entstehung finden. In jener „Nutzlosigkeit“ der Kunst liegt die einzige Möglichkeit derselben, Autonomie zu wahren und den Freiraum für das Entstehen von gesellschaftlichen Neuerungen. Diese böte einen der letzten gesellschaftlichen Freiräume, der nicht ausschließlich von einer Zweck-Mittel- Rationalität dominiert wird. „Eine befreite Gesellschaft wäre jenseits der Zweck-Mittel- Rationalität des Nutzens. Das chiffriert sich in der Kunst und ist ihr gesellschaftlicher Sprengkopf.“

 

Globalisierung und permanente Information in allen Bereichen wandelten sich nach anfänglicher Euphorie und dem Anschein, neue demokratische und transparente Prozesse zu sein, in ihr Gegenteil – führten zu erneutem Erstarken von Populismus, gesteigertem Nationalismus und der Idealisierung von Folklore, was eine Rückwärtsbewegung und den Verfall von Wertesystemen bedeutet. Im Neoliberalismus wird Politik von Unternehmen gesteuert, Gesetze von Lobbyisten beeinflusst und mittels Medien Interessen entsprechende „Wahrheiten“ generiert. Neben der administrativen Macht, wie sie in den staatlichen Bürokratien verkörpert ist, ist das Geld zu einem anonymen, über die Köpfe der Beteiligten hinweg wirksamen Medium der gesellschaftlichen Integration geworden. Aus diesem Grund stehen Kapitalismus und Demokratie in einer – von liberalen Theorien oft geleugneten – Spannung. Dass dabei das Vertrauen in demokratische Gesellschaftsmodelle schwindet, ist eine der bedenklichsten Entwicklungen. Dieser Trend zeigt nicht einfach autoritäre Tendenzen an, sondern spiegelt die Hilflosigkeit der politischen Eliten, Zukunftsprobleme glaubhaft zu thematisieren und überzeugend in den Griff zu bekommen. Deshalb muss man den inneren Erosionsprozess der Demokratie ernst nehmen: Er bringt auf der einen Seite die Zukunftsängste derjenigen zum Ausdruck, die sich als Modernisierungsverlierer wahrnehmen, zugleich aber die realistische Einschätzung, dass die politischen Führungsschichten auch nicht wissen, wie es weitergehen soll.

 

Digitale Technologien, die auf Hardware, Software und Netzwerken beruhen, sind eine so grundlegende technische, wirtschaftliche und soziale Herausforderung des 21. Jahrhunderts, dass inzwischen von einer digitalen Revolution und einem zweiten Maschinenzeitalter die Rede ist. Die wachsende Automatisierung wird von der breiten Öffentlichkeit gerade erst wahrgenommen – und gern bewundert. Doch WissenschaftlerInnen warnen davor, die Technik den künftigen Status quo unseres Zusammenlebens bestimmen zu lassen. „Wir haben das Recht, nicht berechenbar gemacht zu werden“, sagt auch Frieder Nake, Professor für Informatik der Universität Bremen. Wir müssen uns als Menschen und als Gesellschaft neu definieren. „Wir brauchen einen digitalen Kodex, wir müssen ihn uns erarbeiten wie einen neuen Gesellschaftsvertrag.“ Das setzt voraus, dass wir uns mit neuen Technologien und Strategien über den bloßen Gebrauch hinaus, mit deren gesellschaftlichen Phänomenen differenziert auseinandersetzen, um Normen bzw. Gesetze ausarbeiten zu können, die den Umgang und die Anwendung von digitalen Technologien regulieren.

 

Mit ITERATIONEN und EMPATHY SWARM werden zwei programmatische Schwerpunkte gesetzt und konkrete Alternativen angeboten, die gleichzeitig „das Andere“ an künstlerischer Praxis und deren Nutzen für eine mögliche Zukunft zeigen.

 

ITERATIONEN untersucht und entwickelt mögliche Formen zukünftiger künstlerischer Zusammenarbeit in digital-vernetzten Kontexten. Multidisziplinär tätige KünstlerInnen, TheoretikerInnen und WissenschafterInnen erarbeiten gemeinsam im Rahmen dieses EU-Projekts in einer Serie von Residencies und Ausstellungen künstlerische Strategien und Praktiken zum Thema „Kollektives Arbeiten im digitalen Raum“. Abseits gängiger Social-Media-Formen, die von narzisstischer Selbstdarstellung und kommerziellen Interessen dominiert werden, kann das in diesem Kunstprojekt generierte Wissen als Basis für Vernetzungsmodelle nationaler und internationaler Interessensgruppen herangezogen werden. ITERATIONEN orientiert sich am Konzept der „Iteration“ (Wiederholung), welche von der Open Source Software-Entwicklung inspiriert wurde und das Konzept der Wiederholung und Zirkularität auf künstlerische Methodologien anwendet, in denen der Output einer Aktivität als Input für die nächste verwendet wird. Mit dem Experiment als eine Kategorie künstlerischer Ausdrucksmittel rückt die Materialität und der Umgang mit dem Material in den Fokus. Das führt zu einer Vielschichtigkeit des Projekts, weil es einerseits das künstlerische Werk als Ergebnis des kollektiven Arbeitens präsentiert und andererseits das Material – die Quellen und Elemente, die zum Ergebnis führen – offenlegt und allgemein zur Weiterverwendung zur Verfügung stellt.

 

ITERATIONEN erforscht also Prozesse und Motivationen, die KünstlerInnen dazu einladen, Modelle der Zusammenarbeit, des Kollektiven, der Kommunikation und freier digitaler Tools zu untersuchen. ITERATIONEN erweitert sich in mit Kunst verbundener Felder, indem es sich mit ästhetischen, ethischen und juristischen Aspekten der Mehrfach-Autorschaft, auf Commons basierender Wirtschaft, politischen und gesellschaftlichen Potenzialen beschäftigt, die sich rund um das Künstlerische eröffnen. Der Open Source-Philosophie folgend, etabliert das Projekt eine gemeinsame, untereinander vereinbarte Struktur für alle Aktivitäten. Es schafft Raum für Reaktion auf die Erkenntnisse und die Parameter des kollektiven Prozesses; ist damit eine Art Demokratie in einem künstlerischen Setting, das es erlaubt, andere Arten von Strategien für die Aus- und Verhandlung von Inhalten zu entwickeln.

 

In der Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Technologien Machine Learning und in Folge Künstliche Intelligenz postuliert EMPATHY SWARM einen anderen Umgang mit aktuellen, technologischen Möglichkeiten als Erweiterung der Optimierungslogik, die den meisten Anwendungen der großen Konzerne zugrunde liegt (die Verfeinerung von Überwachungsmethoden, die Manipulation von Nachrichten etc.). Stattdessen steht die Idee von Selbstbestimmung und -motivation der robotischen Maschine im Vordergrund, mit dem Ziel einer vorsichtigen Annäherung beider Spezies in ein Ökosystem und eine Gesellschaft aus Empathie und Mitgefühl füreinander und untereinander. Das Projekt geht von der Annahme aus, dass das menschliche und robotische Bewusstsein in einem ausgedehnten kollektiven Gedächtnis vereint werden, welches die Informations- und Inspirationsquelle zukünftiger Gesellschaften bildet und als Strategie gegen dystopische Szenarien genutzt werden kann.

 

EMPATHY SWARM ist ein sich laufend weiterentwickelndes System autonomer Roboter, das wie ein Interface zwischen Mensch und Maschine agiert und so ein Ökosystem für die Koexistenz von Mensch und Maschine bildet oder bilden und Zukunft anders anders gestaltet.

 

Anmerkungen zum Text:

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, 1970.

Max Frisch in: Max Frisch - Journal I-III/Gespräche im Alter v. Richard Dindo u. Philippe Pilliod, 1986. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen

Rechtstaats, 1997 Nicole Kleindienst, Das utopische Potenzial der Kunst, in: Soziologiemagazin : publizieren statt archivieren, 7, 2014.

Richard David Precht, Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, München 2018.

Hans Saner, Gespräch über die Utopie. Experimentalutopie als Lebensform für Gemeinschaften. Fragen von Paolo Bianchi, in: Paolo Bianchi (Hg.), Kunstforum International. Lebenskunst als Real Life, Bd. 143, 1999.

Eva Wolfangel, Bedrohte Freiheit. Wie weit liefern sich Menschen den Computern aus?, in: Badische Zeitung, 18.02.2017.

Harald Welzer, Auf Wiedersehen, Westen? Wie die Deomkratie aus der Mode kommt, in: Oliver Zybok, Raimar Stange (Hg.), Kunstforum International. Vom Ende der Demokratie, Bd. 205, 2010