
(RE)NEW
„Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen. Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, daß er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unberechenbar in die Welt bricht. Die Unvorhersehbarkeit des Ereignisses ist allen Anfängen und allen Ursprüngen inhärent. Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfaßbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen, immer wie ein Wunder an. Die Tatsache, daß der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, daß er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, daß in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und daß das, was ‚rational‘, d.h. im Sinne des Berechenbaren schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf.“
[Auszüge aus Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben [1958], München/Zürich 1981, S. 166f.]
In welcher Zeit leben wir? Ist die Gegenwart und jüngste Vergangenheit eine der schlechtesten Perioden der Menschheitsgeschichte?
Den Eindruck kann man gewinnen, angesichts der Nachrichten, Kommentare, Postings, etc. zum Zeitgeschehen: Kriege, gewalttätige Auseinandersetzungen, Klimaveränderungen, Umweltkatastrophen, Soziale Ungerechtigkeit, Wohnungsnot, Armut - Expert:innen sprechen von einer Polykrise. Aber stimmt unsere Wahrnehmung, wenn man die Entwicklung weltweit betrachtet?
Gab es global betrachtet 'bessere Zeiten'? Oder liegen diese noch vor uns?
Woran misst man den Zustand einer globalen Gesellschaft?
In vielen globalen Kennzahlen (Kindersterblichkeit, Lebenserwartung, Gesundheit, Pro-Kopf-Einkommen, Bildung, u.a.) hat sich in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Verbesserung abgebildet. Aber die meisten Menschen sehen das anders. Wo ist der 'Negativitätsinstinkt', der durch die mediale Berichterstattung mit dem Fokus auf negative Ereignisse noch verstärkt wird, begründet und wo können Gefühle wie Angst und Unsicherheit sogar zu falschen gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen führen?
Als der Neoliberalismus und mit ihm die Globalisierung Einzug in unsere immer stärker wirtschaftlich dominierte Welt hielt, war von einer „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas) die Rede und die kritische Losung der Stunde hieß: „Bringing the State Back In“ (Skocpol/ Rueschemeyer). Als dann während der Finanzkrise und der Corona-Pandemie „der Staat mit seinen Steuerungsfunktionen“ (Menzel) zurückkehrte und etliche Ökonom:innen schon die Renaissance des Keynesianismus verkündeten, wurden neben beachtlichen Formen administrativer Inkompetenz auch markante Freiheitsverluste spürbar, die offenbar auftreten, sobald viele Bürger:innen der ‚autoritären Versuchung‘ mit allzu großer Begeisterung nachgeben.
Heute macht eine neue Stimmung und Wortschöpfung die Runde. In ihr drückt sich die Hoffnung aus, dass die schwer zu leugnenden Krisenprozesse, die auf ökologischer, ökonomischer, politischer und auch kultureller Ebene (Normen und Werte) im Gange sind, sich durch den forcierten Einsatz ‚smarter‘ digitaler Technologien förmlich in Luft auflösen lassen: „Polis der Solution“ heißt die neue Zauberformel. Man setzt auf die Weltverbesserungsunternehmer aus dem Silicon Valley und meint, dass eine kleine Gruppe weißer Männer (Thiel, Musk, Karp, Page, Arnault etc.), die mit ihren disruptiven Methoden Markt und Bürokratie aufmischen, den Planeten und die Menschheit retten können.
Doch der Preis für dieses Vertrauen auf „Big-Tech“ und ihre selbstverliebten Protagonisten ist hoch. An die Stelle des ‚klassischen‘ Kolonialismus, welcher auch nach der Gründung der sogenannten „New States“ in den Entwicklungsländern nur teilweise verschwand, tritt ein „digitaler Kolonialismus“ (Dachwitz/Hilbig). So ist zum Beispiel die „Datenökonomie“ fest in der Hand von Konzernen aus dem globalen Norden. Und dies gilt auch für die Rohstoffe, ohne welche der digitale Fortschritt nicht möglich wäre. Zwar liegen die wichtigen Abbaugebiete von Kobalt und Lithium im globalen Süden, aber die Profite werden eben nicht an den Fundorten erzielt. Und die Ziele und Zwecke, zu deren Erfüllung die wertvollen Ressourcen dienen, bestimmen auch nicht jene, die die auszehrende und risikoreiche Arbeit verrichten.
Wer das erkennt, glaubt nicht länger an das einst mit dem Aufkommen der digitalen Technologie verknüpfte Versprechen, dass im Zuge ihrer Etablierung eine postkapitalistische Wirtschaft entstehen würde, in der nicht länger Profitinteressen und Steigerungszwänge dominieren. Auch die Zweifel daran, dass die ‚digitale Revolution‘ und die durch sie freigesetzte künstliche Intelligenz zum Wohle aller eingesetzt wird und demokratisch kontrollierbar bleibt, wachsen bei vielen Menschen.
Die gegenwärtige Lage ist folglich durch zwei Tendenzen gekennzeichnet: auf der einen Seite gedeiht das Vertrauen in autoritäre Führer:innenfiguren, die sich mit den CEOs der großen Tech-Konzerne verbünden, auf der anderen Seite wächst das Bewusstsein für die zerstörerischen Kräfte einer solchen Allianz.
Das steigende Gefahrenbewusstsein existiert wiederum auf zwei Weisen: hier die Befürchtung, dass das Zeitfenster zur sinnvollen Lösung der Probleme sich gerade schließt, dort der ungebrochene Wille, den in Gang gesetzten Countdown zu stoppen, gepaart mit der Zuversicht, dass genug kompetente und mutige Akteur:innen vorhanden sind, um die nötige Wende einzuleiten.
Was dürfen wir in dieser Situation von ästhetischen Projekten und Werken erwarten oder sogar fordern? Eine Kunst, die nicht allein auf der Höhe der Zeit ist, am Puls der Zeit ihre Konzepte entwirft und Werke schafft, sondern zugleich über ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein verfügt – Sinn für die aktuelle Situation und ebenso für die geschichtlichen Prozesse, die zu ihr geführt haben – ist nötig; denn die Schlüsselbegriffe, mit denen wir uns Zugang zu den Grundproblemen der jeweiligen Gegenwart verschaffen, haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert.
Die Kunst hat bekanntlich zahlreiche Fähigkeiten und Bestimmungen: sie kann – um nur die auffälligsten und vielleicht wichtigsten zu nennen – schockieren und aufrütteln, ermutigen und aktivieren, lindern und trösten, ablenken und übertünchen, irreführen und verblenden. Heute steht sie mehr denn je vor der Entscheidung, welche Funktion sie haben will und welche Materialien, Stile, Formate und Genres sie zur Erfüllung ihrer selbstgesetzten Aufgabe (und dazu kann auch die völlige Verweigerung von Funktionalität gehören) jeweils auswählen sollte. Gleichzeitig muss sie stets in Betracht ziehen, dass ihre Intention durch die Rezipient:innen, Expert:innen, Kritiker:innen etc. missverstanden und nicht selten zu ideologischen Zwecken sogar gegen sie gewendet wird. Diese Lage verlangt von den Künstler:innen und den Institutionen, die sie fördern und beurteilen, eine gesteigerte Reflexion auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen, unter denen die künstlerische Praxis zu einem nach wie vor relevanten Ereignis werden kann und vielleicht auch will. Die aktuelle Bedeutung und die Wirksamkeit von Kunst werden eben nicht hinreichend erkannt, wenn die Kunst in erster Linie sich (u.a. mit Hilfe von Kunsthistoriker:innen und Kritiker:innen) selbst beobachtet und intensiv mit ihrer eigenen krisenhaften Modernität beschäftigt.
Zweifellos haben sich die Erwartungen der Rezipient:innen/des Publikums an die Kunst in den letzten Jahren erheblich geändert. Man hat diesen Vorgang dramatisiert und von der „Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ gesprochen bzw. den angeblich so ‚neuen‘ Umgang mit ästhetischen Phänomenen als Ausdruck des Begehrens nach „Identifikation und Empowerment“ gedeutet. „Statt sich von Fremdem oder zumindest Befremdendem herausfordern zu lassen, achtet man […] vermehrt auf Verbindendes und auf Ähnlichkeiten; man sucht Solidarisierung, Teilhabe und Communities, wünscht sich Bestärkung und Unterstützung“ (Wolfgang Ullrich).
Schöpferische, nachsichtige, affirmative Kritik, d.h. eine Kritik, die durch Zustimmung zu dem erfolgt, das man hervorbringen möchte, und nicht ausschließlich negativ bezogen auf das ist, was man ablehnt, kann, wie Bruno Latour es formulierte, Kritik »mit mehr statt mit weniger«, »mit Multiplikation statt mit Subtraktion assoziiert werden«,um »mehr Ideen [zu] generieren«.
Kunst leistet einen bedeutenden Beitrag, auf die (gefühlte) Bedrohung mit 'Ambivalenztoleranz' zu reagieren: d. h., mit der resilienten Fähigkeit, diffuse Unwägbarkeiten und Bedrohungen einer Zeit seismografisch wahrzunehmen, sie analytisch aufzunehmen und kreativ umzuwandeln – nicht zuletzt, um am Ende emotional handlungsfähig und produktiv zu bleiben.
Medien-Künstler:innen sind Vorreiter:innen, wenn es darum geht, etwa mit Künstlicher Intelligenz kritisch und reflektiert umzugehen oder nach einem fairen und ethisch verantwortungsvollen Umgang, wie etwa dem Recht darauf, nicht kontrollierbar, nicht codierbar sein, zu suchen. Viele Arbeiten laden daher auch die Betrachtenden dazu ein, zu kreativ Mitgestaltenden zu werden, ihre Rolle im komplexen Netzwerk zu hinterfragen und neu zu definieren.
