Bâton de pluies

Bâton de pluies ist ein Projekt von Lola Le Vient und Antonin Lemière, einem künstlerischen Duo, dessen gemeinsame Praxis an der Schnittstelle von Klang, Bild und Performance liegt. Das Projekt nimmt die Form einer Zwei-Bildschirm-Installation an: Auf einem entfaltet sich eine animierte Partitur, aktiviert durch einen zweiten Bildschirm, der gefilmten Regen zeigt – wie geöffnete Fenster. Es erweitert sich zudem zu einer Live-Performance, in der die Künstler.innen mit den Klängen des Regens arbeiten und eine dreiteilige Form entstehen lassen.
Bâton de pluies ist ein audiovisuelles Werk, das aus einem gemeinsamen Wunsch entstanden ist: mit dem zu komponieren, was sich uns entzieht. Es entsteht aus der Begegnung einer grafischen Praxis und einer musikalischen Forschung, aber auch aus einem kollaborativen Prozess, der auf Zuhören, Aufmerksamkeit und einer gemeinsamen Sensibilität für subtile Phänomene basiert.
Das Projekt beginnt mit einer einfachen Geste: ein Keyboard in den Regen zu stellen. Nicht um zu kontrollieren oder im klassischen Sinne aufzuzeichnen, sondern um geschehen zu lassen. Um den Regen sprechen zu lassen.
Der Regen wird so zum Komponisten.
Jeder Tropfen ist ein Ereignis, ein unvorhersehbarer Auslöser. Er wiederholt sich nicht, er berechnet nicht, er korrigiert nicht. Er fällt. Und in diesem Fallen aktiviert er ein System, das wir geschaffen haben, um seine Entscheidungen aufzunehmen. Ein grafisches Raster wird zur Einschreibfläche. Während die Tropfen darüber gleiten, durchqueren sie die Felder und erzeugen Impulse, die in Noten, Texturen und Rhythmen übersetzt werden. Klang entsteht aus diesen zufälligen Bewegungen.
Bâton de pluies ist eine lebendige Partitur. Eine Partitur, die nie zweimal geschrieben wird. Eine Partitur, die uns nicht gehört.
Was uns interessiert, ist weniger die Technologie als die Haltung, die sie ermöglicht: ein Zurücktreten. Es geht nicht darum, im traditionellen Sinne zu komponieren, sondern die Bedingungen für eine äußere Form des Schreibens zu schaffen. Die Intention in ein Protokoll zu verlagern und zu akzeptieren, dass die endgültige Form sich jeder Kontrolle entzieht.
Der Regen erweist sich dabei als eine besonders treff ende Materie. Er existiert einfach und handelt ohne Absicht. Gerade diese Abwesenheit von Strategie zieht uns an. Wir suchen nach einer Form von Genauigkeit, die aus einem aufmerksamen Zuhören dessen entsteht, was ohne uns geschieht.
Das Projekt ist zudem in einem intimen Raum verankert. Es entstand in einer Wohnung, unter einem Dachfenster, aus der einfachen Gewohnheit heraus, dem Regen zuzuhören. In dieser Geste liegt etwas zutiefst Beruhigendes, beinahe Meditatives. Der Regen begleitet, umhüllt und erzeugt eine eigene Zeitlichkeit – eine Suspension.
Diese Erfahrung wollten wir erweitern. Eine andere Weise vorschlagen, den Regen zu bewohnen: nicht mehr als Hintergrund, sondern als aktive Präsenz. Eine Präsenz, die schreibt, zeichnet, komponiert.
Die aktuelle Arbeit besteht darin, eine Serie von Stücken zu entwickeln, die vom Regen komponiert werden. Jede Aufnahme entspricht einer meteorologischen Situation, einer Intensität, einer Dauer. Das Fenster wird zur Projektionsfläche, auf der sich flüssige Bewegungen zeichnen. Bild und Klang antworten einander synchron.
Was entsteht, sind Formen. Linien, Einschläge, Verdichtungen. Eine fragile, instabile, reale Schrift.
Durch dieses Projekt verfolgen wir eine weiterführende Forschung zum Zufall als künstlerisches Material. Wie lässt sich Raum für äußere Kräfte schaffen? Wie bauen, ohne zu überformen? Wie mit etwas komponieren, statt darüber?
Es geht nicht darum, Entscheidungen aufzugeben, sondern unsere Rolle zu verschieben. Wir sind nicht mehr alleinige Autor.innen, sondern Vermittler.innen eines Dialogs. Der Regen handelt, wir übersetzen. Er schlägt vor, wir hören zu.
Diese Form der Ko-Kreation ist zentral. Sie eröffnet einen Raum, in dem etwas entstehen kann, das allein nicht möglich gewesen wäre. Eine Weise, das Unerwartete nicht als Fehler, sondern als Reichtum zu begreifen.
Wir versuchen, neue Sprachen zu entwickeln. Übersetzungssysteme, Verbindungen zwischen Feldern, die sich normalerweise nicht begegnen: Meteorologie und Musik, Grafik und Klang, Zufall und Komposition.
In diesem Projekt liegt der Wunsch, Formen nicht zu fixieren. Sie fließen zu lassen, sie sich verwandeln zu lassen. Die Fragilität als Stärke zu begreifen.
Bâton de pluies ist kein abgeschlossenes Werk. Es ist ein Prozess, eine fortlaufende Forschung. Ein Raum, in dem der Zufall zum Partner wird und das Zuhören zu einem Akt des Schaffens.
Der Regenstab ist ursprünglich ein Instrument, das den Klang von Regen imitiert. Hier wird die Geste umgekehrt: Das Instrument wird dem Regen selbst überlassen. Wir begleiten ihn lediglich.
