La nuit des temps

Installation im Mausoleum
©TheBirthOfTheRobots_Justine Emard_im_esc-medien-kunst-labor

„Der Mensch trägt von Grund auf etwas Künstliches in sich, ist herausgefallen aus dem organischen Zusammenhang der Schöpfung.“ 

[Hans-Jürgen Heinrichs / Norbert Borrmann]

 

Die Arbeiten von Justine Emard oszillieren zwischen den auf den ersten Blick gegensätzlichen Polen Technologie und Spiritualität, erforschen neue Beziehungen zwischen Mensch und Maschine und deren sinnliches Potential. Künstliche Geschöpfe bevölkern uralte Mythen, tauchen in den Laboratorien der Alchemisten auf, erscheinen heute in virtuellen (Bilder)Welten und leben als Humanoide an unserer Seite.

 

Eröffnungsexkurs von Philosophin Lisz Hirn:

 

DAS UNWESEN ZWISCHEN TIER UND ÜBERMENSCH

 

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.“  (Nietzsche, Zarathustra)

 

Der Mensch - ein Unwesen zwischen Tier und Übermensch?

In der Philosophie kumulieren die Fragen „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ bekanntlich in der Frage „Was ist der Mensch?“ Wie erkenne ich aber, dass „das“ ein Mensch ist? Mithilfe von Differenzierungen. Man stellt fest, was er nicht ist und auch, was er noch-nicht ist, aber sein könnte.

 

Tier: Von dem »Tier« – »Das Tier, was für ein Wort!« – in einem verallgemeinern- den Singular zu sprechen, ist laut Jaques Derrida »eine der größten – und systematischsten – Dummheiten derer, die sich Menschen nennen« Derrida kritisiert damit die verallgemeinernde Verwendung des Tierbegriffs im Singular. Das Gerede über „das Tier“ als Gegenüberstellung zum Menschen werde der Vielfalt tierischen Lebens nicht gerecht. Eine Spezies „Tier“ existiere gar nicht. Der etablierte Mensch-Tier-Dualismus versucht den „Menschen“ allen anderen „Tieren“ gegenüber zu stellen und eine unüberwindbare Kluft zu behaupten.

Mensch: Das Unwesen zwischen Tier und Übermensch
Def. Mensch: Humare - humus - ‘Erde, Erdboden’ - beerdigen, bestatten... Mensch ist das einzige Lebenwesen, das beerdigt/bestattet - Stichwort conditio humana

  • -  „Humus“ in Humanisten, Transhumanisten und Posthumanisten: sie haben allerdings andere Antriebe: die einen wollen den Menschen erst in jedem einzelnen entwickeln, die anderen verbessern mithilfe von technischer Innovation und medizinischer Eingriffe, letztere wollen den Menschen ganz überwinden, letzten Ende sogar das zu Bestattende, den Körper, die conditio humana, überwinden.

„Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?“ (Nietzsche, Zarathustra)

 

Übermensch: eigentlich Begriff aus Theologie; von einem „in jeder Weise über das durchschnittliche menschliche Vermögen hinausragenden’ (Anfang 16. Jh.) zur Bezeichnung eines ‘moralisch überdurchschnittlichen Menschen, eines übermenschlichen Wesens’ im Sinne von ‘Heros, Halbgott, Genie’; bei Nietzsche (Zarathustra) im Gegensatz zum Durchschnittsmenschen ‘derjenige, der den Menschen überwunden hat’.

- Diesen dem Menschen überlegenen Menschen nennt Nietzsche den Übermenschen, ein Begriff, sowohl eine geistige als auch eine biologische Bedeutung
- jedenfalls: Mensch ein Übergangswesen, bei dem die Entwicklung nicht stehen bleiben wird

 

Wie lässt sich aber der „Mensch“ überwinden? Haben wir damit schon begonnen?

Die Idee, den Menschen durch Bildung, Erziehung, Technik, Medizin und Sport zu optimieren ist natürlich nicht neu, sie wurde z.B. als Kernaufgabe des Humanismus gesehen. Eine Mission mit Rückschlägen. Im Angesicht globaler Gewaltexzesse und der akuten Klimakrise könnte manch einer meinen, dass das humanistische Projekt, den Menschen von „außen“ zu verbessern, als gescheitert zu betrachten wäre. Transhumanisten beispielsweise schlagen deshalb einen anderen Weg ein. Sie wollen den Menschen von „innen“ heraus optimieren, über die derzeit angeborenen menschlichen Fähigkeiten hinaus. Ja, hier geht es auch darum, Chips und Implantate anzuwenden, um titulierte „menschliche“ Defizite wie Aggression sowie Gewalt uvm präventiv zu verhindern, aber auch körperliche Beeinträchtigungen wie sie z.B. bei Krankheiten wie Alzheimer auftreten zu beseitigen oder überhaupt das menschliche Genmaterial pränatal zu verändern, um z.B: gewisse Erbkrankheiten auszuschließen. Dass diese medizinischen Möglichkeiten ethische Kontroversen auslösen, ist wünschenswert.

Man kann transhumanistische Stoßrichtungen auch kritisieren, ohne generell technologischen Fortschritt abzulehnen. Es heißt aber zu berücksichtigen, dass es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen einer Entwicklung des Menschen durch lernen, denken oder auch „Üben, üben, Üben“ und seiner Optimierung durch Technik. Jede neue technologische Errungenschaft kann als Bedrohung und als positiver Fortschritt für das Wohl der Menschheit wirken. Bedrohend ist sie jedenfalls, wenn ihre ihre moralische Integrität nicht vorab gesichert ist.

 

Albert Schweitzer weist in seiner Nobelpreisrede 1954 auf die Problematik der „Übermenschen“-Konzeption hin: „Der Übermensch leidet aber an einer verhängnisvollen geistigen Unvollkommenheit. Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf. [...] Was uns eigentlich zu Bewußtsein kommen sollte und schon längst zuvor hätte kommen sollen, ist dies, daß wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.“

 

Was macht Technologie mit uns Menschen, wie sehr verändern wir uns (human vs. humanoid), werden wir in ihrem Angesicht notwendigerweise zu „Unmenschen“?

Ich halte die Frage für verfehlt: Wären wir überhaupt „Menschen“ geworden, ohne Technik/ Technologien? Eher fühle ich mich gedrängt, nach einem adaptierten anthropologischen Ideal im Angesicht von steigender Robotisierung, Digitalisierung und der Klimakrise zu fragen: Was wird aus dem Menschen? Wie definieren wir Menschsein künftig: als Zweck im Sinne Kants? Also als Wesen, das sein Handeln, nicht aber seine Existenzberechtigung ständig evaluieren muss? Was bleibt uns anderes als über alternative Formen der Optimierung des Menschen nachzudenken, um ihn „besser“ zu machen? Wenn der Humanismus versagt, kann uns der Transhumanismus oder nur der Posthumanismus retten? Wieso misstrauen wir der Technik derart, wenn sie so eng mit unserem Verständnis von Menschsein verbunden ist?

 

Vielleicht liegt es an einem konstruierten Widerspruch: Mensch/Maschine/Technik - eine künstliche Kluft, statt Symbiose? Menschen fühlen sich von Maschinen eher bedroht als befreit: „Unsere Maschinen verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen Gliedern, mit wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft, gelehrig und von selbst ihre heilige Arbeit“, so Lafargue. Und weiter: Die Menschen „begreifen noch nicht, dass die Maschine der Erlöser der Menschheit ist, der Gott, der ihnen Muße und Freiheit bringen wird“.

 

Die entscheidende Frage ist also nicht, da gebe ich nicht nur der Künstlerin Justine Emard, sondern auch B.F. Skinner recht, ob Maschinen irgendwann denken können, sondern die wirkliche Frage ist, ob Menschen es tun und - ich ergänze jetzt - wie sie diese ihre Maschinen programmieren werden. Gerade unsere Entwürfe von Humanoiden, künstlicher Intelligenz verraten viel über das, wie wir „Menschsein“ derzeit verstehen, leben und nachbilden versuchen. In diesem Sinne gilt tatsächlich uneingeschränkt: Nothing more human than humanoid. Am Ende lockt auch hier.... eine Selbsterkenntnis.

  • Ilse Weber und Reni Hofmüller © esc medien kunst labor_The Birth of the Robots_Foto05:Martin Gross
  • Lisz Hirn © esc medien kunst labor_The Birth of the Robots_Foto08:Martin Gross
  • Ilse Weber und Lisz Hirn © esc medien kunst labor_The Birth of the Robots_Foto10:Martin Gross
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