CYBORG SYNTHESIS

Laufzeit: 

09/09/2020 bis 20/11/2020

Öffnungszeiten: 

Dienstag - Freitag, 14.00 - 17.00 Uhr und nach Vereinbarung

Eröffnung: 

Mittwoch, 9. September 2020 - 14:00
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Wie Luft und Wassertrinken wird das Digitale nur durch seine Abwesenheit und nicht durch seine Anwesenheit bemerkt werden. Computer, wie wir sie heute kennen, werden a) langweilig sein und b) in Dingen  verschwinden, die zuallererst etwas anderes sind: smarte Fingernägel, selbstreinigende Hemden, fahrerlose Autos, therapeutische Barbiepuppen. Computer werden ein umfassender aber unsichtbarer Teil unseres Alltags sein: Wir werden in ihnen leben, sie tragen, sie sogar essen. Begreift es doch – die digitale Revolution ist vorüber.“, schrieb Nicholas Negroponte, Professor am Massachusetts Institute of Technology bereits vor mehr als 20 Jahren in „Beyond Digital“.

Wir leben in einer Welt, die von Daten erzeugt, gesteuert und kontrolliert wird; in einem programmierten, intelligenten Ambiente, in der sogenannten „Scripted Reality“. Das Script wird zum Teil von Sensoren  vorgegeben, die Auskunft geben über den Zustand der Wirklichkeit, die uns umgibt. Die Daten der Sensoren werden von Algorithmen verarbeitet, die uns durch die Welt wie durch ein Datenfeld steuern. Das Bild  des Cyborgs ist nicht zu trennen vom Begriff der Information. Im Rahmen des Space Race“ wurde der Begriff Cyborg erstmals verwendet für einen Raumfahrer, dessen Körper an die Bedingungen des Weltraums  angepasst werden sollte. Auch die Kybernetik als Theorie des „C3I, Command-Control-Communication-Intelligence“, die Lebewesen und Maschinen als „im Grunde gleich“, als lebende und technische Systeme  beschreibt, ist wesentlich im Kontext militärischer Forschung entstanden.

Wissen, technologische Prozesse, aber auch Menschen und andere Organismen werden in Informationseinheiten zergliedert, die einer Theorie der Sprache und Steuerung unterworfen sind – alles wird codierbar  gemacht.

In der Ausstellung CYBORG SYNTHESIS geht es darum, den Blick auf die durch digitale Technologien verursachten kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen  Veränderungen – zunehmende  Allgegenwärtigkeit des Digitalen, eine Durchdringung unseres Alltagslebens mit digital gesteuerten Technologien – zu richten, um herauszufinden, inwieweit wir deren umfassende Integration in unseren Lebensalltag zum einen noch bemerken und zum anderen auch mitbestimmen können. Dies gilt nicht nur in Bezug auf das Smartphone, das gleichermaßen als Kamera, Spiegel, Wecker, Lupe, Lampe, Speichergerät,  Musiklieferant, Spielzeug, Navigationsgerät und nicht zuletzt als Telefon fungiert, sondern auch für verschiedene Formen von Überwachungs- und Kontrolltechnologien, vom Smart Home bis zur Smart City bis hin zur Generierung und Steuerung von weltweiten Finanzflüssen.

 

 

 

 

Das Digitale ist keine virtuelle Realität, keine durch eine Matrix von Alltag und Kultur in irgendeiner Form abgetrennte Sphäre, sondern konstitutiver Akteur und integraler Bestandteil unseres täglichen Lebens. Wir  haben uns von der Vorstellung des Digitalen als separat gedachte Sphäre bereits verabschiedet und befinden uns inmitten eines chaotischen Zustands von Medien, Kunst und Design, nach ihrer Digitalisierung“. Dieser Zustand bedarf einer kritischen Reflexion und Entzauberung der Versprechungen vom Digitalen. „Wenn wir von Internet- oder Massenüberwachung sprechen – und das ist heute in etwa gleichbedeutend –  verwenden wir sehr kryptische Terminologie: die Cloud, das World Wide Web, die Datenautobahn und so weiter.“, so der Künstler Trevor Paglen, Experte im Aufspüren verdeckter und versteckter Infrastrukturen, die gleichzeitig die Basis unserer elektronischen Kommunikation sind und staatlich initiierter Überwachung dienen.

 

CYBORG SYNTHESIS beleuchtet die zunehmende Verknüpfung des öffentlichen Raumes mit digitalen Netzwerken, legt die komplexen Prozesse digitaler Bilderkennungsmethoden offen und untersucht Bildgebungsverfahren. Die zunehmende Interesse an der Bildzirkulation, ihrer Veröffentlichung, Weiterleitung und Übertragung in andere Medien wird begleitet von wiederholten Kontext- und damit  Bedeutungsverschiebungen. Die (Rück-)Übersetzung ins Materielle kann ein effektvolles Mittel der Reflexion der Allgegenwart Digitaler Technologien und der komplexen Natur digitaler Bilder und  Kommunikationsprozesse sein. Auf installative Weise werden Ereignisse einer interaktiven und immersiven Natur unter visuellen Programmierumgebungen erforscht, einer Softwareentität in der körperlosen und abstrakten Natur eines Computersystems nachgespürt, Themen wie Gentechnik und Robotik behandelt, das Gebiet der Techno-Magie analysiert und nachgebildet, eine synästhetische und hyperkonnektive Ästhetik erprobt und wichtige Anwendungen der Mapping-Welt untersucht. Mit künstlerischen Mitteln wird ein kritischer Blick auf das Konzept des Menschen durch Körper, Wahrnehmungen und Metaphern aus  Programmierumgebungen, Robotik, künstlichem Leben und Simulation entwickelt.

Mit Rosi Braidotti gesprochen, wird anders als in herkömmlichen Kategorien gedacht und Philosophie zur Science-Fiction: Genetik und künstliche Befruchtung, Robotik, Implantate und Computertechnologie haben  nicht nur in der Science-Fiction Cyborgs, Zombies und Klone hervorgebracht. Auch in der Philosophie und in den Humanwissenschaften hat sich seit einigen Jahren eine lebendige Diskussion über die Grenzen und Möglichkeiten des Menschen angesichts moderner Technologien entwickelt. Braidottis Denken (ent-)führt vom Humanismus zum Zeitalter des Posthumanismus, in das uns technologischer Fortschritt und  Kapitalismus katapultiert haben: Der humanistische Mensch – männlich, weiß, rational, selbstbewusst, eurozentrisch – ist nicht mehr Maß aller Dinge und hat heute, so Braidotti, einem nomadischen, nicht- individuellen Subjekt Platz gemacht: Nicht mit sich selbst identisch, kollektiv und kosmopolitisch ist es vielfältig mit anderen Subjekten vernetzt – mit Menschen wie mit Tieren und Dingen. 

 

 

So birgt für Braidotti das Ende des Humanismus eine Utopie: Es eröffnet neue soziale Bindungen und Gemeinschaftlichkeit im globalen Maßstab. Sie spricht unter anderem von der „biogenetischen Struktur des  heutigen Kapitalismus“.

Es stehen immer noch dieselben Fragen zur Diskussion: Welche Gefahren und neuen Möglichkeiten eröffnen sich durch die veränderten Macht- und Herrschaftsverhältnisse, aber auch durch die veränderte Art und  Weise, in der Welt zu sein und sich selbst zu begreifen, für sozialistische und feministische Politiken und Praktiken? Welche Gemeinsamkeiten tun sich auf, wenn Planeten, Menschen, Tiere, Pflanzen, Maschinen, wenn alle als Kommunikationssystem betrachtet werden? Was ist das Verbindende zwischen Menschen und Maschinen, Menschen und Pflanzen, Maschinen und Pflanzen etc.? Ausgehend von Donna Haraway,  die hier eine Verbindung zu postkolonialen feministischen Kritiken an Dualismen und Identitätslogiken schuf sowie ihrem Bestreben, eine politische Einheit aus dem Nicht-Identischen zu schmieden, wird anhand  von einer Vielzahl an Projekten, Veranstaltungen und Ausstellungen die Cyborgisierung der Gesellschaft aus unterschiedlichen künstlerischen, theoretischen wie auch praktischen Perspektiven beleuchtet und zur  Diskussion gestellt. 

 

Verwendete Literatur:

 

Rosi Braidotti, The Posthuman, 2013

Ollivier Dyens, The Emotion of Cyberspace: Art and Cyber-Ecology, 1994

Donna Haraway, A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late

Twentieth Century, 1984

Donna J. Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, 2018

Katja Kwastek, Wir sind nie digital gewesen. Postdigitale Kunst als Kritik binären Denkens, S. 68 ff.,

in: KUNSTFORUM International Bd. 243 Now. – Dez. 2016, hrsg. Franz Thalmair

Dagmar Fink, Ein Fisch im flaschengrünen tiefen All? Oder: wie Feminist*innen die transhumane

Figur d* Cyborg kaperten und zu compost verarbeiteten, in: FIfF-Kommunikation 3/16

Susanne Lettow, Biokapitalismus und Inwertsetzung der Körper. Perspektiven der Kritik, in: PROKLA

178, 45. Jg., Nr. 1, 2015

Roland Schappert, Digitalisierung heute. Wert und Legitimation, S. 228 ff., in: KUNSTFORUM

International Bd. 252 Feb. – März 2018

Franz Thalmair, Postdigital 1. Allgegenwart und Unsichtbarkeit eines Phänomens, S. 39 ff., in:

KUNSTFORUM International Bd. 242 Sept. – Okt. 2016

BULLETIN ETH Zürich Nr. 286 August 2002

Koproduktion: 

steirischer herbst 2020

Graz Kulturjahr 2020